Behandlungen

Opioide gegen chronische Schmerzen

Von Dr. med. Emmanuel Coradi 04.11.2020

Was sind Opioide?

Opioide bilden eine Wirkstoffklasse, die auf das natürlicherweise im Schlafmohn vorkommende Opium zurückzuführen ist.

Opioide wirken im zentralen Nervensystem. Dort vermitteln sie verschiedene Effekte, insbesondere auch denjenigen der Schmerzlinderung. Schmerzsignale, die vom Körper zum Hirn gesendet werden, können durch Opioide abgeschwächt oder blockiert werden. Aufgrund dieser Eigenschaft, werden Opioide häufig zur Behandlung mittlerer bis schwerer Schmerzzustände eingesetzt.

Abhängig von der Dosierung, kann eine Behandlung mit Opioiden auch von Nebenwirkungen wie Übelkeit, Verstopfung, Juckreiz, vermehrtem Schwitzen, Schläfrigkeit, Verwirrtheit oder kritisch verlangsamter Atmung begleitet werden.

Die Anwendung von Opioden ist nicht ohne Risiko und sollte nur unter ärztlicher Aufsicht erfolgen. Opiate führen zu körperlicher Abhängigkeit. Zudem kann bei unkontrolliertem Gebrauch eine psychische Abhängigkeit im Sinne einer Sucht entstehen. 

Vor Beginn einer Schmerztherapie mit Opioiden

Grundsätzlich muss zwischen krebs-bedingten und nicht-krebsbedingten Schmerzen unterschieden werden.

Chronische nicht-krebsbedingte Schmerzen sollten nach Möglichkeit niemals ausschliesslich mit Opioiden behandelt werden. Wissenschaftliche Daten weisen darauf hin, dass Opioide zur Therapie chronischer nicht-krebsbedingter Schmerzen, nicht wirksamer sind als andere Schmerzmedikamente. Bevor eine Schmerztherapie mit Opioiden überlegt wird, sollten daher verschiedene andere therapeutische Massnahmen bereits ergriffen oder zumindest probiert worden sein (physikalisch, physiotherapeutisch, medikamentös, interventionell, psychologisch).

Die Anwendung von Opioiden birgt verschiedene Risiken, welche durch patienten-spezifische Faktoren erheblich beeinflusst werden können (Alter, Begleiterkrankungen, Begleitmedikamente, …). Um schwerwiegende Komplikationen zu vermeiden, ist vor Beginn einer Schmerztherapie mit Opioiden immer eine detaillierte ärztliche Nutzen - Risiko - Abwägung notwendig.

Opioide bei nicht-krebsbedingten Schmerzen

Gemäss der deutschen AWMF-Leitline zur Anwendung von Opioiden bei nicht-krebsbedingten Schmerzen, kann bei folgenden Indikationen eine Schmerztherapie mit Opioiden überlegt werden:

  • Schmerzen bei diabetischer Polyneuropathie
  • Schmerzen nach Gürtelrose / Postzosterneuralgie
  • Chronische Arthroseschmerzen
  • Chronischer Rückenschmerz
  • Phantomschmerz
  • Chronischer Schmerz nach Rückenmarksverletzung
  • Chronische Schmerzen bei Nervenwurzelschädigung
  • Chronische Schmerzen bei rheumatoider Arthritis

Die Behandlungsdauer muss nach Möglichkeit auf 4 bis 12 Wochen beschränkt sein. Während dieser Zeit sollen andere Therapieoptionen evaluiert und versucht werden, so dass dann später wieder auf die Anwendung von Opioiden verzichtet werden kann. Nur bei eindeutigem, signifikantem schmerz-reduzierendem Nutzen einer Opioid-Therapie sollte diese länger als während 12 Wochen fortgeführt werden.

Im Zweifelsfall: Der i.v. - Opioid-Test als Wegweiser

Falls Unsicherheit darüber besteht ob eine Opiat-Therapie versucht, bzw. länger als 12 Wochen weitergeführt werden soll, kann ein ambulant durchgeführter intravenöser (i.v.) Opioid-Test hilfreich sein. Durch die protokollierte i.v. - Gabe eines kurzwirksamen Opioids, ist es meist möglich heraus zu finden, ob ein Schmerzleiden wirkungsvoll durch ein Opioid behandelt werden kann oder nicht.

In diesen Fällen sind Opioide NICHT empfohlen

Zur Behandlung der nachfolgenden nicht-krebsbedingten Schmerzleiden ist eine Therapie mit Opioiden NICHT empfohlen:

  • Migräne
  • Spannungskopfschmerzen
  • Chronischen Unterbauchschmerzen der Frau
  • Reizdarmsyndrom
  • Fibromyalgiesyndrom (Ausnahme Tramadol)
  • Chronisch entzündlichen Darmerkrankungen
  • Chronischer Bauchspeicheldrüsenentzündung
  • Bei verschiedenen psychiatrische Erkrankungen

Unerwünschte Effekte bei Langzeitanwendung

Die Langzeitanwendung von Opioiden kann folgende unerwünschten Effekte zur Folge haben:

  • Verlust des sexuellen Verlangens
  • Impotenz
  • Zyklusstörungen der Frau
  • Erhöhte Gesamtsterblichkeit
  • Passivität / Antriebslosigkeit
  • Merkfähigkeitsstörungen
  • Erhöhte Sturzgefahr

Abhängigkeit und Sucht

Opioide führen zu körperlicher Abhängigkeit. Bei korrekter Indikation und Dosierung, sowie regelmässiger ärztlicher Reevaluation ist die Wahrscheinlichkeit einer Sucht klein. Bei fraglicher Indikation und unkontrolliertem Gebrauch hingegen, ist die Gefahr der Entstehung einer psychische Abhängigkeit im Sinne einer Sucht gegeben.

Beendigung einer Opioidtherapie

Eine Schmerztherapie mit einem Opioid sollte periodisch re-evaluiert werden und ausschliesslich unter regelmässiger ärztlicher Aufsicht stattfinden. Ist unklar ob die Therapie mit einem Opioid eine Schmerzlinderung bewirkt, sollte auf eine Beendigung dieser Therapie hingearbeitet werden.

Im Zweifelsfall kann ein ambulant durchgeführter i.v. - Opioidtest die Entscheidung für oder gegen eine Weiterführung einer Behandlung erleichtern.

Autofahren / Bedienen von Maschinen

Während der ersten 1 - 2 Wochen einer Therapie, in der Einstellungsphase, bei einer Dosiserhöhung oder beim Wechsel auf ein anderes Opioid, muss auf das Autofahren bzw. das Bedienen von Maschinen verzichtet werden. Während dieser Zeit sind Nebenwirkungen häufig, welche die Reaktionsfähigkeit einschränken.

Während einer Therapie mit Opioiden sollte Alkohol nur mit Vorsicht genossen werden. Alkohol schränkt das Reaktionsvermögen zusätzlich ein, so dass nach Alkoholgenuss auf das Autofahren verzichtet werden sollte.

Referenzen

  • Häuser W, et al., Clinical practice guideline: Long-term opioid use in non-cancer pain. Dtsch Arztebl Int 2014; 111: 732–40.
  • Maurer K. Vom Umgang mit Opioiden bei nicht tumorbedingten Schmerzen. HAUSARZT PRAXIS 2016; Vol.11, Nr. 7
  • Manchikanti L, et al., Opioids for Chronic Non-Cancer Pain: American Society of Interventional Pain Physicians (ASIPP) Guidelines. Pain Physician 2017; 20:S3-S92
  • Gustorff B., Intravenous opioid testing in patients with chronic non-cancer pain. Eur J Pain. 2005 Apr;9(2):123-5.




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